Türkei
Türkei – am Schwarzen Meer
4. März 2015
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In Karasu beginnt unsere Etappe entlang des Schwarzen Meeres. Knapp 1200 km sind es bis Georgien. Ab jetzt geht es immer entlang der Küste. Wir haben traumhaftes Wetter und teilweise sogar bis zu 26°C (in der Sonne). Juhu! Der Sommer ist zurück!

Nachdem wir die letzten Tage auf stark befahrenen Straßen unterwegs waren, genießen wir es um so mehr, endlich wieder in ruhigeren Gegenden unterwegs zu sein und grandiose Landschaft bestaunen zu dürfen. Die Schwarzmeerküste mit ihren vielen kleinen Buchten, Stränden und Dörfern ist wunderschön und wie wir hören ist sie bisher noch ein Geheimtipp und wird auch im Sommer nicht von Touristen überschwemmt. Aber: Je schöner die Landschaft desto anstrengender das Radfahren. Das dürfen wir besonders in den Etappen von Karasu bis Sinop erfahren. Zum ersten Mal kommen wir an unsere Grenzen.

Die Steilküste ist wunderschön, vor jeder Bergkuppe ist man gespannt, welch ein Ausblick einen dahinter erwartet. Das einzige Problem: Die Straße. Es ist ein einziges Auf und Ab. Täglich erarbeiten wir uns eine Menge Höhenmetern bei 10% und mehr Steigung. Und es scheint kein Ende zu nehmen. Wir kommen viel langsamer voran als erwartet, täglich schaffen wir nur 30 bis max. 50 km. An den ersten Tagen denken wir noch „boah, wir haben schon richtig Power“ und „schlimmer kann’s ja nicht werden“, aber diese Hoffnung schwindet mit den Tagen.

Nach gut 10 Tagen intensiver Kraftaufwendung ist bei Sinop dann doch ein Ende in Sicht. Ab jetzt wird es flacher. Und wie soll es anders sein, statt mit unbefahrbaren Steigungen haben wir auf nun gerader Strecke mit kräftigem Gegenwind zu kämpfen. Das voran kommen ist mühsam und ich frag mich ob ich mir statt Wind lieber wieder Berge wünsche. Ergebnis meiner Überlegungen: Beides unerträglich, fürchterlich, schrecklich und einfach nur zum abgewöhnen.

Bei einem Letzten und im Verhältnis winzigen Hügel, 5Km vor unserem heutigen Tagesziel, kommt erneut eine heftige Böe die an mir rüttelt wie ein unsichtbarer Riese. Ich schmeiße mein Rad hin und beginne einen Sitzstreik. Das erstemal fällt der Satz „Ich hab echt kein Bock mehr“. Zum Glück hält meine Emotionsausbruch nicht lange an. Nach 5 Minuten Pause mit Schokolade und gutem Zureden von Tim geht es weiter und wir meistern auch noch die letzte Hürde und erreichen die Wohnung  von Elif die und sehr herzlich aufnimmt.

Tankstellen sind perfekte Campingplätze. Sie haben oft eine kleine Grünfläche wo das Zelt aufgestellt werden kann, in dem kleinen Tankstellenmarkt kann man im Notfall das Nötigste erhalten, es gibt fließend Wasser und ein WC – also alles was man braucht. Wenn wir die Tankstellen anfahren, werden wir meist willkommen geheißen und es wird uns sofort ein Çay angeboten. So auch bei einer Tankstelle in Bafra. Dort bleibt aber nicht einfach nur bei der Erlaubnis unser Zelt hinter der Tankstelle aufschlagen zu dürfen. Als es kalt und windig wird, werden für uns schnell Stühle im Elektroraum zurecht gerückt und wir sollen uns ins warme begeben. Etwas später lernen wir Cüneyt, den Chef der schönsten Tankstelle der Welt, kennen. Cüneyt ist super nett und sehr interessiert an unserer Reise. Am Abend lädt er uns zu einer Spritzfahrt in seinem Wagen durch die Stadt ein. So haben wir die Möglichkeit noch etwas mehr von Bafra sehen zu können. Unsere kleine Sightseeingtour endet in einem Restaurant in dem wir zu einem leckerem Abendbrot eingeladen werden. Zurück bei der Tankstelle verabschiedet sich Cüneyt von uns mit den Worten wenn wir irgendetwas bräuchten und sei es eine Tasse Kaffee um 1 Uhr nachts können wir uns jeder Zeit an seine Mitarbeiter wenden. Am nächsten morgen empfängt uns Cüneyt mit einem grandiosen Frühstück. Es gibt frisches Brot, verschiedenes hausgemachtes Gebäck, Eier von seinen eigenen Hühnern, frisch gemolkene, noch warme Milch…Hmmmh! Alles ist unglaublich lecker und wir sind mehr als gestärkt für die nächste Etappe.

Manchmal gibt es aber auch ganz normale Campingplätze die aber aufgrund der Jahreszeit geschlossen haben. In Alapli erlaubt man uns trotzdem unser Zelt aufzustellen. Bezahlen müssen wir dafür nicht. Der Campingplatz liegt direkt am Meer und ein Feuer am Strand scheint uns bei fallenden Temperaturen eine gute Idee. Tim fragt die Männer ob wir ein Feuer machen dürfen. Wie sich rausstellt eine dumme Frage. Na klar dürfen wir ein Feuer entfachen und was für eins. Tim und ich beginnen in deutscher Manier fein säuberlich Holz zu sammeln und zu schichten. Anscheinend ist das den Männern viel zu langsam und uneffektiv. Sie schwärmen aus und bringen unermütlich nicht nur Berge von Treibholz sondern einfach alles was am Strand (leider) rumliegt unter anderem Plastikflaschen und sogar einen Autoreifen. Von unserem sauberem Feuer ist schnell nichts mehr zusehen. Es brennt ein riesiger, ungeordneter Berg von Allerlei mit gewaltigem schwarzen Rauch.

Die Menschen begegnen uns auch im zweiten Abschnitt unsere Türkeietappe mit unbeschreiblicher Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft.

Manchmal sind es nur kurze Begegnungen wie z.B. auf einer kleinen Straße „, die von einem Dorf in das Nächste führt. Es ist ein sonniger Tag. Tim und ich entschließen auf einer Bank am Straßenrand eine Pause einzulegen. Immer wieder fahren Bauern mit ihren von einer Art Rasenmähermotor gezogenem Angängern an uns vorbei, meist freundlich hupend. Ein Mann, mit einem besonders abenteuerlichen Gefährt hält auf der gegenüber liegenden Straßenseite und kommt zu uns herüber gelaufen. Er umarmt Tim herzlich und stellt sich vor. Er spricht ein bisschen deutsch und so können wir uns kurz unterhalten. Wenige Minuten später verabschiedet er sich wieder, steigt in sein „Transporter“ und bevor er weg fährt vergewissert er sich noch einmal mit der Frage „Prrrobläm?“ ob bei uns alles in Ordnung sei oder er uns noch irgendwie Helfen könne.
Ein kurzer Moment, der aber sooo viel ausmacht.
Inzwischen merken wir immer mehr wie abhängig man als Radreisender ist. Teilweise erreichen wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit eine kleine Stadt um dann festzustellen das es weder eine Pension noch die Möglichkeit, das Zelt aufzustellen, gibt. Die Beine sind müde vom Tag, die nächste Stadt zu weit weg und im Dunkeln will man sowieso nicht weiter fahren. Es ist also einerseits eine blöde Situation andererseits genau der Moment wo man die größte Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft erleben kann.
So z. B. in Filyos. Eine mal wieder mega anstrengende Etappe liegt hinter uns. Wir durchqueren die Stadt auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht. Die Sonne geht langsam unter – mal wieder ein wunderschöner Sonnenuntergang, nur haben wir leider noch keinen Schlafplatz. Wir sind schon am Stadtende angelangt, da sagt uns eine Frau es gäbe am Meer eine Pension. Wir müssen also wieder zurück und sausen die zuvor mühsam erklommenen Höhenmeter wieder runter, wohl wissend das wir dort morgen wieder hoch müssen. Am Meer angekommen entdecken wir die Pension und erfahren gleich im nächsten Moment das sie im Winter geschlossen ist. Wir fahren weiter am Strand entlang und sehen eine Wiese. Also entschließen wir das Zelt dort aufzuschlagen. Aber erstmal laaangsam ankommen und die aller letzten Sonnenstrahlen über dem Meer genießen. Wir stehen gerade nur einen kurzen Moment, da hält ein Auto neben uns und zwei Männer und eine junge Frau steigen aus. Ekrem, der eine der beiden Männer, spricht perfekt deutsch und englisch und wir kommen sofort ins Gespräch. Es vergeht nicht viel Zeit und Ekrem lädt uns ein, bei seiner Mutter zu übernachten. Wow – die Einladung nehmen wir gerne an. Ekrem fährt mit dem Auto vorweg, wir folgen ihm. Es geht bergauf und bergauf, die Straße wird schlechter und wir verlieren immer mehr Abstand zu Ekrem. Nach etwa 150 Metern hält Ekrem bei einem Haus, bei seinem Haus, wie sich kurze Zeit später herausstellt. Ekrem hat entschieden, dass der Weg zu seiner Mutter zu anstrengend für uns ist und lädt uns nun ein über Nacht bei ihm zu bleiben. Wir zögern keinen Moment das Angebot anzunehmen, der Tag war bereits unglaublich anstrengend mit viel auf und ab und aus unseren Beinen kommt tatsächlich nichts mehr.
Ekrems Frau zaubert ein gigantisches Abendbrot für uns und wir verbringen einen wunderschönen Abend in der Familie. Bevor wir ins Bett gehen entschuldigen wir uns bei Ekrem das er sich, obwohl er doch Urlaub hat (er arbeitet in Antalya in der Tourismusbranche) um Touristen kümmern muss. Wir bekommen dann von ihm wie wir finden das wohl größte Kompliment in dem er sagt: „Ihr seid keine Touristen, ihr seid meine Gäste!“. Als wir in den Raum gehen der uns für die Nacht zugewiesen wird merken wir das wir uns im Schlafzimmer von Ekrem und seiner Frau befinden. Wir versuchen kurz abzulehnen, merken aber schnell, dass das keinen Sinn hat. Am nächsten morgen sehen wir, dass die Familie im Wohnzimmer auf dem Sofa geschlafen hat, damit wir das gemütliche Ehebett haben. Einfach unglaublich und schon zuviel, um es annehmen zu können. Voller Dankbarkeit und Bewunderung verlassen wir das Haus.


Ich könnte noch soviel mehr von der Gastfreundschaft schreiben: Von den vielen Einladungen auf einen Çay, von Orhan, der lange bei Delmenhorst gearbeitet hat und uns in Ordu so herzlich aufnahm oder von Saziye, einer Ärztin aus dem kleinen Krankenhaus in Kurcasile – wir dürfen im Garten des Krankenhauses zelten, bekommen zur Begrüßung erstmal einen Tee serviert und verbringen den Abend mit Saziye an ihrem Lieblingsplatz, einer wunderschönen Bucht wo wir dann auch noch lecker bekocht werden. Anschließend dürfen wir in der Wohnung von Saziye und ihren Eltern den Abend ausklingen lassen und lernen wie man einen richtigen türkischen Kaffee zubereitet. Am nächsten Morgen zaubert uns Saziyes Mutter ein leckeres türkisches Frühstück und es fällt uns schwer uns schon wieder verabschieden zu müssen. Oder ich könnte noch von dem netten Mann berichten der mit Tim durch die halbe Stadt läuft und alle Leute anspricht die er kennt ob sie eine Übernachtungsmöglichkeit für uns hätten. Am Ende können wir zwischen dreien auswählen. Wir entscheiden uns die Nacht in einer Teestube zu verbringen. Der Besitzer heizt für uns den Ofen nochmal ordentlich an, er zeigt uns wie der Gasherd funktioniert, dann bekommen wir die Schlüssel und sind bis zum nächsten Morgen ungestört.

 

In Gerze kommen wir mal wieder bei einer Couchsurferin unter. Geplant war eigentlich nur eine Übernachtung, da der Wind aber bereits heute schon so unerträglich war, teilweise auch gefährlich wenn mich eine Windböe auf die Fahrbahn schiebt und er morgen noch stärker werden soll, entscheiden wir das eine Weiterfahrt nicht möglich ist. Elif bietet uns an noch eine Nacht länger zu bleiben und sie mit ihrer „Mountain Group“ bei ihrer sonntäglichen Wanderung zu begleiten. Treffen um 8°°Uhr im Teehaus – wir sind natürlich dabei. Wir verbringen einen tollen Tag mit der fröhlichen „Mountain Group“, entdecken wunderschöne Landschaft am nördlichsten Punkt der Türkei und haben ein ausgiebiges Picknick. Um 17°°Uhr sind wir zurück. Erholungstag? Naja, wir sind doch tatsächlich 23 km gewandert, da sind die Füße am Abend auch etwas müde. Es hat aber unheimlich viel Spaß gemacht.

 

Manchmal sind wir aber auch ganz auf uns allein gestellt und genießen das Campen in der Wildnis. Das kann dann aber schon mal unheimlich werden, so wie in dieser Nacht: Wir schlafen ohne Zelt unter einem irgendwo in der Landschaft stehen Pavillion. Ein Rascheln, wenige Meter neben uns. Tim leuchtet mit seiner Taschenlampe hin, kann aber ohne Brille nicht viel erkennen. Irgendwas mit Fell, vielleicht ein wilder Hund. Etwas später dann ein grunzen direkt neben uns. Tim zückt wieder die Taschenlampe und sieht ein grosses Wildschwein davon huschen. Tim liegt noch eine Weile wach da und kann nicht direkt wieder einschlafen. Und ich? Ich hab von dem ganzen überhaupt nichts mitbekommen. Ich war wohl schon im Tiefschlaf und höre mir Tims Bericht am nächsten Morgen gespannt an. Später hören wir das gerade diese Gegend nur so von Wildschweinen und Bären wimmeln soll. Fortan bauen wir doch wieder unser Zelt auf…

Eine Tagesetappe von Trabzon entfernt treffen wir am 06.02. Alessio und Binh, die Radreisenden aus Paris, wieder. Die Freude ist groß. Ab jetzt wollen wir ein paar Etappen gemeinsam meistern, wo sich dann unsere Wege wieder trennen ist noch unklar.

Die letzten Tage in der Türkei erleben wir noch einmal geballte Gastfreundschaft. Es scheint fast so, als sollen wir noch länger bleiben. Gleich zwei Tage hinter einander werden wie spontan eingeladen die Nacht im Trockenen zu verbringen. In Rize klingeln Alessio und Tim an der Haustür eines Bootshauses um zu fragen ob wir unser Zelt nebenan aufstellen dürfen. Der Mann der die Tür öffnet erkennt aus irgendwelchen Gründen mal wieder sofort das Tim deutscher ist und begrüßt ihn mit duisburger Dialekt. Wir dürfen in Orhans Küche kochen und in seinem Wohnzimmer, im Warmen essen. Mit ihm, seiner Frau verbringen wir einen gemütlichen Abend. Ein Nachbar bekommt mit, das wir Zelten wollen und bemerkt das es viel zu kalt und stürmisch sei. Er erlaubt uns daraufhin in seinem Bootshaus zu übernachten.

In Findikli werden wir bei 8°C und Nieselregen davor bewahrt unter einer Brücke zu schlafen. Wir haben für heute keinen besseren Platz gefunden und wollen bei einem nahe gelegenem Haus nur nach etwas Feuerholz fragen, da wird uns sofort ein kleiner Raum mit Ofen und eine Garage für die Räder angeboten. Im Laufe des Abends kommt die halbe Großfamilie vorbei und wir verbringen mal wieder einen fröhlichen, geselligen Abend. Am nächsten Morgen klopft es an der Tür und wir bekommen ein Tablett mit Frühstück gereicht. Unsere heutige Mittagspause, kurz vor der georgischen Grenze, verbringen wir damit, unsere letzten türkischen Lira (bzw. die von Alessio und Binh) in kulinarisches zu investieren. Wir sind eigentlich schon satt, da kommt ein Gast im Restaurant zu unserem Tisch und macht uns deutlich, dass wir noch bleiben sollen. Es folgt eine Einladung auf eine riesige, leckere Käse-Fleisch-Pide und einen Çay. Wow! Wir steigen mit unseren vollen Bäuchen mühsam auf die Räder und hoffen das die letzten Meter bis zur Grenze nicht zu anstrengend werden.

Karinas Rad wird bewundert.

Karinas Rad wird bewundert.

Wie man unschwer erkennt: Wir sind begeistert von der türkischen Gastfreundschaft und hoffen davon etwas mit nach Deutschland nehmen zu können. Vielen, vielen Dank an all unsere lieben Gastgeber!

Inzwischen steht auf dem Tacho eine 5 am Anfang. Juhu. 5000 km, 1/3 ist geschaft. Unsere Bambusräder sind ein Traum und machen alle Strapazen ohne irgendwelche Macken mit. Nach 4800km mußte mein Hinterreifen geflickt werden. Der zweite Platten auf der gesamten Strecke, sonst gibt es absolut nichts negatives zu Berichten.

Jetzt geht es nach Georgien. Wir hoffen auf einen weiterhin milden Winter und freuen uns auf neue Abenteuer. Außerdem werden wir in Tbilisi erneut versuchen das Iranvisum zu erhalten. In Trabzon haben wir versucht eines zu bekommen ohne eine so genannte Referenznummer zu haben. Leider keine Chance. Inzwischen haben wir die Nummer über eine Agentur beantragt und hoffen das damit alles klappt. Wir sind gespannt!

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