Türkei
Güle Güle Europa!
14. Februar 2015
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Auf die Türkei haben wir uns schon riesig gefreut. Vorbereitet haben wir uns mit dem Buch „Kulturschock Türkei“ – sehr zu empfehlen. Jetzt sind wir natürlich neugierig auf dieses Land und die Kultur.
Nun überqueren wir also die Grenze. Bevor wir dann aber wirklich so richtig eingereist sind, müssen wir aus unerklärlichen Gründen bestimmt fünf mal den Pass bei verschieden „Stationen“ vorzeigen. Jedes mal verstaue ich den Pass wieder um ihn an der nächsten Station erneut raus zu kramen und vorzuzeigen. Aber irgendwann haben wir es geschafft und radeln auf einer wenig aufregenden Strasse in Richtung Marmarameer.
In Deutschland kommt man sehr häufig mit türkischen Landsleuten in Kontakt. Dies macht es um so spanender, endlich einmal selbst in der Türkei zu sein. Die Sprache klingt sofort irgendwie vertraut, aber verstehen tun wir natürlich mal wieder nichts.
Wieder gibt es neue Buchstaben bzw. Laute, die es zu lernen gilt und wir versuchen erneut wenigstens ein paar Worte zu lernen, was auch nach und nach klappt. Allerdings geschieht dies auf Kosten bereits gelernten Alphabete und Worte in anderen Sprachen. Es ist so viel verschiedenes in so kurzer Zeit, dass langsam alles durcheinander gerät, bzw. bereits gelernte Dinge gelöscht werden um wieder neues aufzunehmen. Irgendwie schade. Unser Gehirn hat da leider zu wenig Speicherplatz abbekommen.
Jetzt geht es uns darum, möglichst schnell voran zu kommen und bald Istanbul zu erreichen. In Istanbul wollen wir zum einen Binh und Alessio wieder treffen (das Pärchen, welches wir bereits in Thessaloniki getroffen haben) und zum anderen wollen wir dort das Iranvisa beantragen. Außerdem ist inzwischen richtig Winter. Es ist kalt und immer wieder schneit es, an anderen Tagen haben wir mit Sturm zu kämpfen. Wir haben Sorge das vielleicht eines Morgens die Straßen zugeschneit sein könnten und es dann nicht mehr möglich ist weiter zu fahren. Also heißt es wann immer möglich fleißig strampeln.
Die ersten Nächte kommen wir in möglichst günstigen Hotels oder Apartments unter und lernen so direkt türkisches Frühstück kennen.


Statt Kaffee gibt es jetzt Schwarztee, den Çay. Dieser wird immer aus zwei Kannen gereicht: In der einen ist der Tee. Die Teeblätter werden nicht nach 3-5 Minuten rausgenommen sondern bleiben im Wasser. So wird der Tee sehr stark und bitter. In der zweiten Kanne befindet sich heißes Wasser, mit dem der bittere Tee verdünnt und erst genießbar wird. Je nach Geschmack schaufelt man sich dann noch jede Menge Zucker in den Tee. Wir brauchen einige Zeit, um dies also Teekultur würdigen zu können.
Dann gibt es Weißbrot (Ekmek) und dazu fetaartigen Käse, etwas Wurst, Tomaten, Gurken und natürlich Oliven. Ab und zu gibt es auch Honig, Marmelade oder ein Ei dazu. Interessanterweise gibt es hier deutlich weniger dicke Menschen als in Deutschland. Die grösste Teil der Nahrung besteht aus frischem Gemüse, dazu scheinen die Menschen körperlich mehr aktiv zu sein. Allerdings nicht unbedingt Sport. Der Türke macht seeehr wenig Sport. Deshalb gibt es auch absolut kein Verständnis für unsere Strampelei. Oft gehörter Kommentar: Warum um alles in der Welt nehmt ihr kein Auto? Ihr könntet in zwei Wochen in China sein….
30Km vor Istanbul erhalten wir unsere erste von inzwischen unendlich vielen Einladungen auf einen Çay (Tee). Wir schieben gerade unsere Räder eine sehr steile Straße hoch, es ist natürlich wieder kalt und schneit, da kommt ein Mann der uns aus seinem Büro gesehen hat zu uns gelaufen. Er begrüßt uns freundlich und lädt uns ein in seinem Büro einen Tee zu trinken. Wir freuen uns, uns etwas aufwärmen zu können und geniessen gleich mehrere heiße Çays. Serdar hilft uns eine Bleibe für die Nacht zu finden und lädt uns ein morgen früh nocheinmal bei ihm vorbei zu schauen. Da das Büro sowieso auf unseren Weg liegt nehmen wir auch die zweite Einladung gerne an. Wir sind etwas beschämt weil unsere Räder, die wir mit ins Büro nehmen dürfen vom Schneematsch versifft den ganzen Boden voll tropfen. Sauber machen dürfen wir aber nicht. Alles kein Problem! Eine Aussage von Serdar muss ich hier nochmal wieder geben, weil ich sie einfach ziemlich treffend finde. Serder stellt sehr verwundert fest:„ Deutsche haben keine Kinder, dafür aber Hunde und Katzen“! Nachdem Serdar uns noch seine Handynummer gibt (wir sollen ihn anrufen falls wir irgendwelche Probleme hätten) geht es weiter.

 

Istanbul

Istanbul ist unglaublich groß! Wir brauchen einen ganzen Reisetag um am Abend bei unseren Gastgebern Emre und Dilek an zu kommen. Tim navigiert großartig über irgendwelche Nebenstraßen durchs Gewühl. Und es ist weniger kritisch als erwartet. Trotzdem reicht uns ein Tag Radfahren in Istanbul.
Wir treffen Binh und Alessio vor der blauen Moschee die eigentlich Sultan-Ahmed-Moschee heisst. Gemeinsam starten wir mit ihnen eine kleine Sightseeingtour. Wir besichtigen die Sultan-Ahmed-Moschee und die direkt gegenüberliegende Hagia Sophia. Beides riesige und ziemlich beeindruckende Bauten. In einem kleinen Restaurant sitzen wir anschliessend zusammen und planen Routen Optionen durch die Türkei. Auf dem Rückweg zu unseren Gastgebern schlendern Tim und ich durch die engen Gassen des Grand Basars. Am besten gefallen mir die Gewürzstände, dort riecht es immer so gut. Am Ende des Tages haben wir aber auch schon wieder genug vom Stadtlärm und Touristendasein. Tim bemerkt passend:„Der Mensch ist komisch. Für Hühner gibt es Vorschriften wie viel Quadratmeter Freiraum sie haben müssen usw. und Menschen leben zusammen gefärcht in lauten und schmutzigen Großstädten!“ Wir freuen uns schon wieder darauf die Stadt verlassen zu können um dann Natur und kleinere Dörfer entdecken zu können.


Wir erfahren, das es viel einfacher sein soll, ein Iranvisum in Trabzon zu erhalten und so verlassen wir Istanbul schon früher als geplant. Die Route steht inzwischen fest: Wir wählen den Weg entlang an der Schwarzmeerküste. An Dilek und Emre an dieser Stelle nochmal ein riesieges „Dankeschön!“. Ganze drei Tage haben die Beiden ihre Wohnung mit uns geteilt und wir konnten so in Ruhe alles planen und auch endlich mal wieder unsere Klamotten waschen. Çok Sagol!

Wir verlassen Europa!

Am liebsten wollen wir mit unseren Rädern die Bosporusbrücke überquerten und so den neuen Kontinent per Rad erobern. Nachdem es aber in der Vergangenheit etliche Selbstmorde gab, wurde die Brücke für Fußgänger gesperrt. Wir spielen kurz mit den Gedanken, es einfach trotzdem zu versuchen und wie sonst auch die Autospur zu benutzen. Nachdem wir allerdings Bilder und Videos von dem chaotischen Verkehr dort sehen, kommen wie schnell von dem Gedanken ab. Dann lieber ganz gemütlich mit dem Schiff den Bosporus überqueren und dabei geniessen.

Jetzt sind wir in Asien!

Jetzt sind wir in Asien!

Von Istanbul bis Serdivan

Bevor wir ans Schwarzemeer kommen liegen 3 Tage nervlich anstrengende Etappen vor uns. Wir müssen größten Teils auf ziemlich grossen, autobahnähnlichen Strassen fahren. Aufgrund von Industriegebieten ist hier reger LKW Verkehr. Wenn dann zwischenzeitlich auch noch der Seitenstreifen fehlt ist das Fahren keine Freude mehr. Der Lärm von den ständig vorbei rasenden Autos tut sein übriges. Entschädigt werden wir aber jeden Abend durch tolle „Warm Shower“. Riesigen Dank an Euch!
In Truzla warten wir in einem Café auf Adem, unseren heutigen Gastgeber. Wir stillen unseren ersten kleinen Hunger mit super leckerem Gebäck (Tim wird zuvor zur Theke gebeten und wird mit einem freundlichen „Kontrrroll, Kontrroll“ dazu aufgefordert alles möglich zu kosten – Och manno! Ich will auch!).
Wir verbringen dann einen geselligen Abend mit Adem. Wir lernen, wie man einen Fisch ausnimmt (definitiv Tims Aufgabe, falls wir irgendwann mal einen angeln sollten), die Zubereitung bleibt ein Geheimnis, der Fisch war aber sehr schmackhaft.
Bei Derince werden wir im Haus leckerem Abendessen, sein Onkel läßt uns von seinem selbst erzeugten Rotwein und Whisky kosten und mit Burcu können wir uns problemlos auf deutsch unterhalten, da sie in Deutschland aufgewachsen ist und erst vor kurzem hierher gezogen ist. Die Familie gehört zu den Aleviten und wir lernen hier die Vielschichtigkeit und Unterschiede im Islam. Es gibt einfach nicht „den Moslem“ oder „den Islam“!
Kurtulus ist Englischlehrer an einer Privatschule und lädt uns am nächsten Morgen ein, vor unserer Weiterfahrt in seine Schule zu kommen. Die Gelegenheit lassen wir uns natürlich nicht nehmen. In seinem winzigen Arbeitszimmer trinken wir einen schnellen Tee, dann geht es als erstes zum Morgenapell. Dazu versammeln sich alle Schüler in der Aula und es gibt einige kurze Ankündigung. Heute werden wir vorgestellt und begrüßt. Anschließend bekommt Tim das Mikro in die Hand gedrückt und darf noch einige Worte, die von einem kleinen Mädchen übersetzt werden, an die versammelte Mannschaft loswerden. Montags und Freitags wird immer noch die Nationalhymne gesungen, aber heute ist leider Donnerstag.

Jetzt gehen alle Schüler in ihre Klassen und der Unterricht beginnt. Tim und ich werden in das Schulleiterbüro gebeten. Wow! Das ist mal ein Schulleiterbüro. Ein riesiger Schreibtisch, ein großer Ledersessel und recht und links davon jeweils die Türkische Flagge. Ein großes Atatürkbild darf natürlich auch nicht fehlen. Nachdem uns der Schulleiter begrüßt hat, unsere Bambusräder aufs genauste inspiziert und ein paar Fotos geschossen wurden gehts in den Unterricht. Ich habe mein Rad dabei und stellen uns, die Reise und die Räder kurz vor. Die Schüler bekommen dann Zeit um uns fragen zu stellen. Die wichtigsten Fragen zielen nicht auf unsere Reise ab, sondern eher was unser lieblings Fußballteam ist und welche Computerspiele wir spielen. Tim und ich werden von einer Klasse in die nächste geschickt und bekommen immer mehr Übung in unserer spontan Präsentation. Es macht uns inzwischen richtig Spaß aber nachdem inzwischen knapp zwei Stunde vergangen sind müssen wir wirklich weiter. Heute liegen immerhin noch 60 km Fahrt vor uns.


Unsere letzter Gastgeber bevor wir die Schwarzmeerküste erreichen ist Mustafa. Auch von ihm werden wir herzlich begrüßt und aufgenommen. Sein erster Satz nachdem er uns begrüßt, noch bevor wir bei seiner Wohnung ankommen: „Ich wohne in einem Apartment welches mir gehört, aber in den nächsten Tagen betrachtet es als das eurige!“. Mustafa ist nicht davon ab zu bringen sein Schlafzimmer für uns zu räumen damit wir in seinem großen Bett schlafen können. Er selbst schläft auf einer Matratze in seinem Arbeitszimmer.
Am nächsten Morgen fühle ich mich nicht besonders gut. Ich habe eine Erkältung bekommen und fühle mich ziemlich schlapp. Mustafa erlaubt uns sofort noch eine Nacht bei ihm zu bleiben, damit ich mich etwas ausruhen kann. Am Abend lädt uns Mustafa zum Essen ein. Es gibt vier unterschiedliche Etli Ekmek. Jeweils 2 Meter lang. Wir essen bis kurz vorm Platzen. Dazu trinken wir erstmal Ayram. Das ist in etwa leicht gesalzene Buttermilch. Schmeckt zunächst sehr ungewohnt. Doch im Laufe der Zeit beginnen wir es sehr gerne zu mögen.
Unsere Bitte an Mustafa, ihn einladen zu dürfen, wurde übrigens heftig abgelehnt. Wir sind einfach überwältigt von dieser herzlichen, ehrlichen und großzügigen Gastfreundschaft.
Jetzt geht es an Schwarze Meer. Wir freuen uns auf weniger befahrene Straßen, auf einsame Buchten, kleine verschlafene Städtchen und wunderschöne Landschaft.

Idyll am Marmarameer

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Karina

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