Tadschikistan
Tadschikistan von Duschanbe nach Khorog
27. Juli 2015
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Da es Tim in Usbekistan auch noch mit Magendarm erwischt hatte, mußten wir in Denau kurz vor der tadschikischen Grenze einen ungeplanten Pausentag eingelegt. Am 31.Mai ist Tim aber wieder soweit fit, dass die Fahrt weiter gehen kann. Von der Grenze trennen uns 38 km. Jetzt heißt es mal wieder „viel Spaß bei der fröhlichen Grenzprozedur“. Auf usbekischer Seite brauchen wir 2 Stunden (davon eine Stunde warten wegen Stromausfall) und angespannt geht es zum tadschikischen Grenzgebäude. Dort angekommen werden wir freundlich aus einem der Fenster begrüßt. Wir sind noch nicht von den Rädern gestiegen, da nimmt uns ein Mann die Reisepässe ab und reicht sie für uns durch das Fenster. Wir müssen kurz warten und werden in dieser Zeit in tadschikistan herzlich willkommen geheißen. Als man uns die Reisepässe zurück gibt dürfen wir direkt einreisen. Hinter der Schranke erwarten wir weitere Passkontrollen und eine gründliche Gepäckkontrolle. Aber da ist nichts. Wir sind kurz irritiert. Das war’s schon? Nur wenige Minuten an einer Grenze, keine komischen Fragen, keine Gepäckkontrolle, nur einmal den Reisepass vorzeigen….? Solche Grenzen haben wir schon lange nicht mehr erlebt. So gefallen sie uns, wenn es Sie denn schon geben muß (wovon wir in keiner Weise überzeugt sind).

Von der Grenze fahren wir direkt nach Duschanbe, wo wir bei Vero via Warmshowers unterkommen. Wie sich herausstellt ist Vero’s Haus ein wahres Paradis für Radreisende wo, wie es scheint, jeder beherbergt wird. Die Reisenden aus Usbekistan kommen mit einen ruinierten Magen, die Reisenden die aus dem Pamir kommen völlig geschafft von der zurückliegenden herausfordernden Etappe. Alle freuen sich also auf ein paar Tage Regeneration. Mit uns sind 13 andere Radreisende aus aller Welt (Belgien, Ungarn, England, Amerika, Südkorea, Pakistan, Irland) hier. Rege werden die unterschiedlichen Erfahrungen ausgetauscht, spannende Geschichten erzählt und Routeninformationen aus erster Hand eingeholt – eine tolle Atmosphäre. Wir verbringen vier Tage hier die wie im Flug vergehen. Zeit zum Nichtstun gibt es so gut wie nie. Wir benötigen um den Pamirhighway befahren zu dürfen eine spezielle Genehmigung um in diese autonome Region (GBAO = Gorno-Badakhshan Autonomous Oblast) einreisen zu dürfen. Diese Genehmigung gilt es nun zu beantragen. Ausserdem werden die Räder werden gewartet. Dabei entdeckt Tim eine gebrochene Speiche an seinem Hinterrad die zum Glück einfach getauscht werden kann. Danke Sven, dass du uns in letzter Minute einen Satz Speichen zugesteckt hast!

Und es wird mal wieder aussortiert. Es kommen tatsächlich 11 kg zusammen die per Post nach Hause geschickt werden sollen. Verrückt, wir hatten doch schon einmal eine Aktion gestartet alles Unnötige auszusortieren. Da haben wir wohl was übersehen. Wir fahren damit zu DHL. Die wollen 280 Dollar haben. Puh. Davon können wir hier einen Monat gut Leben. Wir entscheiden uns gegen DHL…

Einen Tag vor unserer Weiterfahrt bringen wir unser Paket (eine voll bepackte Radtasche) zur Post. Das aufgeben des Paketes dauert  Ewigkeiten. Es gibt tatsächlich noch ein Postamt (übrigens heisst es in Tadschikistan auch почтамт = Postamt) welches komplett ohne Computer auskommt. Als erstes muss sieben mal der selbe sehr komplizierte Zettel von uns ausgefüllt werden, dann müssen wir die Tasche nochmal auspacken weil die Postbeamtin sehen will was drin ist. Am Ende fragt die Dame von der Post immer wieder wie die Adresse zu verstehen ist, sie muss diese schließlich auf das Paket schreiben, welches sie vorher noch einpacken muss. Die latainische Schrift sitzt bei ihr nicht so gut, deshalb macht sie ständig alles falsch und spricht auch alles falsch. P=R, B=V usw.. . Ausserdem kann sie nicht erkennen was Strasse und was Stadt sein soll und obwohl Tim mit Händen und Füssen in der Luft rotiert geht alles durcheinander. Plötzlich behauptet die Dame dass nun alles klar sei und wir gehen sollen. Mürbe folgen wir der Bitte. Als wir die Post verlassen steht unsere Radtasche noch so auf der Waage in mitten des chaotischen, unleserlichen Zettelwustes wie wir sie raufgestellt haben. Na, ob das Paket jemals ankommt? Wir haben wenig Hoffnung. Wenigstens kostet es ’nur‘ 70 Dollar.

4. Juni – wir verlassen wir Duschanbe. Zum Warmwerden geht es erstmal 500 Höhenmeter bergauf. Eigentlich nicht so wild. Es sind allerdings 39°C und so kommt man doch schnell ins Schwitzen. Das Warmwerden geht also recht schnell.

Stausee bei Nukus

An die Hitze gewöhnen wir uns allmählich. Täglich fahren wir mehrere 100 Höhenmeter bei zwischen 37°C – 45°C Thermometeranzeige. Einmal steigt die Temperatur sogar auf 50,2°C, irgendwie haben wir es überlebt.

Bei der Hitze und Anstrengung nimmt man jede Abkühlung mit. Am Wegesrand sehen wir ein paar Frauen an einer Wasserstelle ihre Kanister auf füllen. Natürlich halten wir sofort an. Vorsichtig fragen wir ob wir uns kurz erfrischen dürfen und beginnen dann Gesicht und Hände zu waschen. Eine kleine Omi denkt sich dass das bei den Temperaturen absolut unzureichend ist und beginnt ohne zu fragen laut lachend Einem nach dem Anderen ihren Wasserkanister über dem Kopf zu kippen. Eine großartige Erfrischung. Die anschließende Einladung zum Tee können wir leider nicht annehmen, wir müssen noch ein paar Kilometer fahren.

 

Unverhoffte Dusche

Eine andere Einladung erhalten wir von einem vorbeifahrenden Autofahrer in einer kleinen Stadt. Es ist genau 12 Uhr und die Einladung zum Mittag passt perfekt. Gerne fliehen wir vor der Mittagshitze und fahren dem Auto für einige 100 Meter hinterher. Dann wird für uns in einem Garten, im Schatten eines Baumes ein Tisch gedeckt : Saft, Cola, Tee, getrocknete Früchte und Bonnons. Außerdem gibt es das Nationalgericht Shaka-rob (Zucker und Wasser). Shaka-rob, eine Art Joghurtsuppe mit Kräutern in die man frisches Brot bröselt, ist das perfekte Essen für warme Tage. Sehr lecker!

Shaka-rob im Schatten – Lecker!

 

7. Juni – wir meistern unsere erste Passstrasse. Von 670m geht es auf 2000m. Es ist mal wieder heiß, 37°-39°C und die Straße wird immer steiler und schlechter. Nach fünf Stunden Dauerschwitzen haben wir es geschafft – erstmal Durchatmen. Auf 2000m ist die Luft nun auch endlich etwas kühler.

Wenn es bergauf geht muss es ja irgendwann auch wieder bergab gehen – so meine Motivation immer bei Etappen wie dieser. Heute ist die Abfahrt aber fast ebenso anstrengend und zeitaufwändig wie der Aufstieg. Ich hab noch nie so viel bei einer Abfahrt gebremst wie heute. Die Straße ist in einem grandios schlechtem Zustand. Sand, Schotter und Geröll. Den ganzen Tag kein LKW in Sicht, aber jetzt wo es so schön staubig ist kommt ein Lastwagen nach dem Nächsten und wirbelt soviel Staub auf das wir kaum sehen können. Die Landschaft entschädigt aber mal wieder für alles, einfach fantastisch. Zum ersten Mal werfen wir einen Blick auf den Panjifluss und das gegenüberliegende Afghanistan mit seinen schönen Bergen. Von nun an führt unsere Route entlang an diesem Grenzfluss.


Radfahren und Zelten mit Blick auf Afghanistan. Manchmal ist der Panji so schmal das man fast drüber springen kann. Jedenfalls liegt Afghanistan teils nur einen Steinwurf weit entfernt (hat Tim erfolgreich getestet). Eine unsere Pausen verbringen wir auf einer Mauer sitzend, auf die andere Flussseite schauend. Gegenüber liegt eines dieser abgeschiedenen, kleinen afghanischen Dörfer die wir immer wieder sehen. Hinter dem Dorf eine hohe, steile Bergkette. Die eine Straße die am Fluss entlangläuft und die Dörfer miteinander verbindet ist schmal und oft noch durch Steinrutsche blockiert oder abgerutscht und nur noch ein Klettersteig. Ein Auto kommt da nicht lang. Es ist aber keinesfalls menschenleer. Mal sehen wir einen Reiter auf einem Esel, mal Fussgänger und ab und zu einen Mopedfahrer (wobei völlig unklar ist, wie die da fahren können). Uns gegenüber haben sich inzwischen einige Kinder versammelt die eben noch am Fluss gespielt haben. Wir winken. Die Kinder winken zurück. Die Kinder rufen, wir rufen zurück. Wir machen eine Bewegung, starten eine kleine Laolawelle und alles wird auf der genüberliegenden Seite nachgeahmt. Schließlich tanzen wir alle und es wird sehr viel gelacht. Für uns ist dies ein sehr besonderer, emotionaler  Moment. Wir freuen uns mit den Kindern auf einfache Weise zu kommunizieren und spaß machen zu können. Gleichzeitig gehen einem viele Gedanken durch den Kopf. Alles wirkt so friedlich, kaum vorstellbar wie es wenige Kilometer von hier, hinter den Bergen aussehen mag. Was hat jahrelanger Krieg angerichtet? Sind die Familien hier hinter den Bergen vielleicht verschont geblieben? Welche Perspektive haben diese Kinder? Wie lange können sie noch so fröhlich sein?

 

Der Panji, wilder Grenzfluss zu Afganistan

Eigentlich dachten wir nach Usbekistan und den dort durchgemachten Magen – Darm – Infekten wir sind mit dem Thema kranksein durch und gegen „alles“ immun. Leider haben wir uns da getäuscht. Bereits gestern ging es Tim nicht besonders gut, aber irgendwie haben wir doch ein paar Kilometer geschaft und uns frühzeitig einen Platz für die Nacht gesucht. Heute geht es Tim leider nicht besser. Wir kommen erst spät los und dann auch nur langsam vorwärts. Im nächstem Dorf, nach nur 12 Kilometern ist Tim nicht mehr in Lage weiter zu fahren. Wir halten und entschließen uns hier zu bleiben und fragen in einem kleinem Restaurant ob wir die Nacht dort verbringen dürfen. Alles, wie schon so oft auf unserer Reise natürlich kein Problem.

Seit ein paar Tagen fahren wir gemeinsam mit Amer einem UK / Pakistani, der für Hilfsprojekte radelt (mwtrust.com). Vielleicht ist er der Erste und Einzige Radreisende der im Pamir ohne eigenes Zelt, Isomatte und Kocher unterwegs ist. Verrückter Typ. Die Zeit mit ihm war bisher super toll und wir haben viel gelacht. Jetzt ist es einfach nur großartig das er da ist. Armer kümmert sich um uns wie ein Bruder. Tim fiebert hoch und verbringt den Tag mit schlafen.

 

Amer, grossartiger Typ!

Am nächsten Tag müssen wir uns von Armer verabschieden. Er muss seine Reise fortsetzten. Tim verbringt auch diesen Tag mit schlafen. Ich sitze mit sämtlichen Gepäck an der Straße und halte jeden vorbeikommenden LKW oder Pickup an. Wir wollen versuchen irgendwie per Anhalter in die nächst größere Stadt von hier (Khorog, in 200 km) zu kommen. Fieber bis 40°C und Magen – Darm ist irgendwie doch beunruhigend wenn man so weit ab vom Schuss ist wie wir gerade sind. Hier ist wirklich das Ende der Welt. Der Inhaber des Restaurants kümmert sich besorgt um uns. Tim wird mit bitteren Kräutern versorgt die Wunder wirken sollen. Jedesmal wenn ich einen LKW stoppe (pro Stunde kommt vielleicht einer vorbei) kommt der Wirt rausgelaufen und hilft mir die Lage zu erklären. Leider bin ich ohne Erfolg und so verbringen wir eine weitere Nacht im Restaurant.

12. Juni – mit dem LKW nach Khorg!

Nachdem wir gestern vom Restaurant aufgebrochen sind und mit Mühe und Not und vielen Pausen 30 km geschafft haben (Tim ist permanent sehr schwindelig), starten wir heute den zweiten Versuch zu hitchhiken. Wir sind glücklich als nach stundenlangen warten endlich ein Armeetruck hält. Zum Glück sind ein paar starke Jungs da die auch mitfahren, so dass die Räder samt Gepäck auf die Ladefläche gehievt werden. Unsere Freude ist nur von kurzer Dauer. Nach 5 km hält der Truck und hat scheinbar sein Ziel erreicht. Alle wieder aussteigen! Wir setzten uns also wieder auf die Räder und versuchen erneut selbst zufahren. Jetzt hört auch noch der Asphalt auf und die Straße wird schlechter und schlechter. Der arme, immer noch sehr schwache Tim schlägt sich tapfer vorwärts. Schlagloch – Schotterpiste mit anhaltend heftigen Bauchschmerzen ist einfach eine besonders blöde Kombination. Wir machen gerade mal wieder eine Pause, da sehen wir einen LKW kommen. Unsere Chance? Der Fahrer winkt uns freundlich zu, das sieht gut aus. Schnell spring ich auf und fordere ihn zum Anhalten auf. Und endlich, endlich haben wir Glück. Der nette chinesische Fahrer hilft uns die Räder auf der Ladefläche so gut es geht zu vertauen und dann geht es auf in Richtung Khorog.

 

Ob das hält?

Der Lkwfahrer fährt bis 18:00 Uhr, dann wird für die Nacht gehalten. Wir dürfen unsere Zelt neben dem LKW aufbauen und am nächsten Morgen weiter mitfahren.

Die Nacht haben wir gut überstanden. Das war angesichts des starken Sturmes, den im steinigen Boden nur minimal versenkten Heringen und dazu von einem Hang herunterrieselnden Steinchen nicht unbedingt zu erwarten. Irgendwie ist der Wurm drin und will auch nicht so recht verschwinden. Das Frühstück am Morgen fällt aus da der Kocher versagt. Für jeden gibt es stattdessen ein paar trockene Armeekeckse. Statt wie abgemacht Weiterfahrt um 08:00 Uhr sitzt der Fahrer ab 06:00 Uhr hinter dem Steuer und läßt schon mal den Motor laufen. In Windeseile wird alles zusammen gepackt. Wir wollen den Fahrer nicht mehr Umstände als sowieso schon machen.

Ich nehme meinen Platz auf zwei Plastikeimern zwischen den Fahrer – und Beifahrersitz platz und weiter geht die Fahrt. Die Straße ist in einem katastrophalen Zustand. Wir fragen uns ernsthaft ob Fahrradfahren oder Beifahrer in einem LKW zu sein die größere Herausforderung ist. Für unsere Räder ist es definitiv die Fahrt auf dem LKW. Zwei mal müssen wir halten da die Seile mit denen die Räder befestigt waren gerissen sind und alles durcheinander geflogen ist. Nach beschwerlicher Fahrt und bangen um unsere Räder erreichen wir am späten Nachmittag Khorog. Unser chinesischer Fahrer möchte keinen Cent von uns für die viele Mühe die er mit uns hatte annehmen. Also verabschieden wir uns einfach mit einem herzlichen Dank.

 

Der freundliche Herr mit dem Popelfänger heisst uns herzlich willkommen

 

Wie glücklich sind wir nach wenigen Kilometern das Guesthouse Laalmo zu erreichen. Hier können wir erstmal in Ruhe regenerieren. Die Räder haben die unsanfte Fahrt ziemlich gut überstanden. Vielleicht hat der flexible Bambus den Ein oder Anderen Stoß abgefangen. Es ist lediglich ein Reflektor und ein Teil vom Schutzblech abgebrochen, das Kabel von der Gangschaltung ist bedenklich abgeknickt – kann aber leicht wieder fixiert und stabilisiert werden. Sämtliche Schrauben haben sich durch das Gerüttel gelockert und müssen festgezogen werden, das ist aber auch kein Problem. Blöd ist, dass einige der eigentlich fast unzerstörbaren Ortlieb Taschen nun Löcher haben. Egal, da kommt Panzertape rauf, Regen gibts eh erst wieder in Deutschland.

Jetzt ruhen wir uns erstmal aus, dann bringen wir alles wieder auf Vordermann und dann sind wir hoffentlich bereit für die viertausender Pässe auf dem Dach der Welt, dem wilden Pamir.

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