Deutschland
Tadschikistan von Khorog nach Kirgistan
29. Juli 2015
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In Khorog treffen wie es scheint alle Pamirreisenden zusammen. So manchen Abend sitzen wir in toller Runde mit Letten, Ukrainern, Amerikanern, Koreanern, Belgiern und Franzosen zusammen. Der Amerikaner lebt seit 10 Jahren in Hongkong, der Ukrainer seit langer Zeit in Kanada und die Letten wohnen in Norwegen – die Vielfalt hört nicht auf und es ist super spannend aus aller Welt Geschichten hören zu können.

Fünf Tage im gemütlichen Hostel in Khorog liegen hinter uns. Es war schön alte Bekannte die wir in Duschanbe kennengelernt haben wie Gret und Paul, Will oder Mark hier wieder zu treffen. Wir sind wieder Topfit und aller „Schaden“ den die unbequeme Fahrt im LKW verursacht hat ist behoben.

Fachmännisches gelöte am Universal-Ladegerät

 
Am 18. Juni sind wir startklar für die nächste Etappe. Nach einem gemütlichen Frühstück starten wir gemeinsam mit Will (Irland), Mark (USA) und Kim (Südkorea).

Wir fahren durch das Wakhantal immer entlang des Panji und Afghanistans. Wow! Die Landschaft ist absolut beeindruckend. Wenn doch bloß die Straße nicht so schlecht wäre… Eigentlich hatten wir erst später mit schlechten Straßenverhältnissen gerechnet aber schon jetzt ist kein Asphalt mehr in Sicht. Die Straße zieht sich im ständigen auf und ab durch das Tal und ist zudem sehr holprig und sandig. Bereits am ersten Abend spüren wir unsere müden Beine die doch eigentlich nach einer langen Erholungspause top fit sein müssten.

 

Bei Kilometer 9000 taucht der Hundukusch vor uns auf

 
Heute wird die Reise bei tollem Wetter und weiterhin umwerfender Landschaft fortgesetzt. Vor uns türmt sich der schneebedeckte Hindukusch auf. Was für ein Bild. Und genau in diesem Moment erreichen wir den nächsten Meilenstein: 9000 km! Juhuu! Bald wird es fünfstellig….

Von himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt: Nachdem wir so glücklich waren unseren 9000sten Kilometer erradelt zu haben, gibt es wenig später Probleme. 12 km nach Ischkeshim rutscht Tims Tretlager erneut aus dem Rahmen. Ärgerlich, aber noch gerade „rechtzeitig“ bevor wir so ganz und gar ab vom Schuss sind. Wir halten eins der selten vorbeikommenden Autos an und bekommen sofort Hilfe. Der Fahrer kann uns zwar nicht in seinem Kombi mitnehmen, organisiert uns aber ein „Taxi“ (eine Art Jeep) und wartet dann sogar noch so lange mit uns bis das Taxi da ist und die Räder verstaut sind. Will war uns ebenfalls eine große Hilfe. Er spricht etwas russisch und hat die ganze Zeit für uns übersetzt. Nach zwei Tagen gemeinsamen reisens heißt es nun wieder Abschied nehmen. Will wird die Tour durch das Wakhantal fortsetzen, wir fahren mit dem Taxi zurück nach Khorog.

 

Retter in der Not

 
Was wir in zwei Tagen mühsam geradelt sind fahren wir nun in ein paar Stunden mit einem gut gefederten Jeep zurück. Jetzt verstehen wir warum die Aussagen von Autofahrern bezüglich Straßenverhältnissen oft so stark von dem abweichen was man selbst (als Radfahrer) sagen würde. Das bisschen auf und ab kostet im Auto keinerlei Anstrengung, durch einen Fluss wird kurzerhand durchgefahren, der Schotter und Sand ist gar nicht zu bemerken und das ein oder andere Schlagloch führt durch die Federung zu einem gemütlichen Schaukeln. Aber auch ein Jeep kann nicht alles. Wir sind über einen Nagel gefahren und müssen nun den platten Reifen wechseln. Am Abend sind wir zurück im Hostel in Khorog.

Den 20. Juni verbringen wir im Hostel damit das Fahrrad zu reparieren und die Routenveränderung zu planen. Das Werkzeug für die Reparatur haben wir bereits und auch eine Tube Epoxy gehört zu unserem Gepäck. Das Tretlager ist innerhalb des Vormittags wieder fixiert (dieses mal haben wir noch mehr Epoxy verwendet!) und wir können morgen wieder aufbrechen.

  
Durch die kleine Panne und zuvor einige Krankheitstage sind wir nun etwas in Zeitnot geraten und würden die Route durch das Walhantal nicht mehr schaffen. Wir schlagen daher die etwas kürzere nördliche Straße (M41) ein die sich später wieder mit der aus dem Wakhantal kommenden Straße verbindet.

Wie sich herausstellt ist die Strecke auf der M41 mindestens genauso schön wie die durch das Wakhantal. Unterschied: Hier ist alles viel grüner, der Fluss ist nicht braun sondern blau und man fährt immer wieder durch kleine Dörfer in denen ein Kinder entgegen laufen, fröhlich winken und die Hände zum Abklatschen entgegen strecken.

  
Zur Mittagszeit erwischt uns heute ein heftiger Schauer. Zum Glück sehen wir ein kleines Haus in der Nähe. Wir fahren schnell hin und fragen ob wir uns unterstellen dürfen bis der Regen vorüber ist. Was für eine Frage! Natürlich dürfen wir. Sofort wird für uns der Tisch frei geräumt und wir sollen uns setzten. Dann gibt es für jeden eine Tasse Tee. Wir haben großes Glück, die Tochter der Familie ist gerade zu Besuch. Sie spricht hervorragendes Englisch und so können wir uns sogar unterhalten. Der Regen hört langsam auf. Wir bekommen noch eine Portion Spiegeleier und Brot, dann dürfen wir weiter fahren. Das ist mal wieder einer dieser großartigen kleinen Momente die man nur erlebt wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist und somit Wetter und Menschen „ausgeliefert“ ist.

Inzwischen sind wir so richtig im Pamir  auf dem Dach der Welt angekommen (der Begriff wurde ursprünglich nur für den Pamir verwendelt). Es wird immer karger, manchmal wüstenartig und immer dünner besiedelt. Fast täglich gilt es einen Pass zu überqueren. Wir befinden uns ausschließlich über 3000 Meter. Das Wetter wechselt hier oben oft schnell. In der Sonne ist es warm und man muss aufpassen das man nicht verbrennt. Ist kurz eine Wolke vor der Sonne ist es sofort kalt. Nachts haben wir es unter 0 °C, einmal sind wir sogar komplett eingeschneit. Auch der Wind scheint hier anderen Gesetzen zu folgen. Wie sonst ist es möglich das wir tagelang Gegenwind haben und  selbst wenn wir die Fahrtrichtung wechseln – der Wind dreht immer mit.

 

Immer gemütlich: Unser makelloses Zelt

 
Durch Wind und Kälte haben wir uns inzwischen daran gewöhnt im Zelt zu kochen. Nach anfänglichen riesen Chaos kann das jetzt sogar richtig gemütlich werden.

Apropos Wind: Bei starken Wind und steinigem Boden ist es manchmal gar nicht so einfach das Zelt aufzubauen. Des öfteren sind wir da froh zu zweit unterwegs zu sein. Andere Reisende, die allein unterwegs sind, haben uns berichtet das sie bei Sturm teilweise bis zu zwei Stunden damit verbracht haben ihr Zelt aufzubauen.

26. Juni – heute geht es hoch hinaus! Vor uns liegt der bisher höchste Pass unserer Reise. Die erste Hälfte ist eigentlich nicht so schlimm, wenn doch bloß nicht permanent dieser nervige, starke Gegenwind wäre. Die letzten 300 Höhenmeter haben es in sich. Es ist super steil und die Luft wird immer dünner. Mit aller Kraft schieben wir unsere Räder Meter um Meter vorwärts. 15 Schritte schieben, eine Minute stehen und Luft holen. Wir kommen nur langsam voran und es ist wirklich mega anstrengend. Aber irgendwann ist es geschafft. 4655m! Yeah! Was für ein Gefühl und vor allem: Was für eine Aussicht.

 

Völlig fertig auf 4655 m

 
Den letzten Abend in Tadschikistan verbringen wir oberhalb des Karakulsees. Von der Straße aus konnten wir das erste mal einen Blick auf den 7135 Meter hohen Peak Lenin werfen. Den Peak Lenin zu besteigen ist unser Projekt für Kirgistan. Tim redet seit Wochen von nichts anderem 🙂
28. Juni
Zur kirgisischen Grenze sind es 28 km auf denen es allerdings noch über zwei Pässe geht. Von der Nacht gut erholt ist der erste Pass schnell geschafft. Der zweite Pass, auf dessen Passhöhe (4200 m) sich die Grenze befindet fordert aber nochmal alles von uns. Starker Sturm, natürlich von vorn, etwas weiter oben dann Schneegestöber. Die Straße ist extrem steil und zudem wie schon so oft seeeeehr schlecht. Schotter, Sand und Wellblechpiste wechseln sich ab. Wellblechpisten (Wellen im Sand so wie am Strand aber fest und holprig) sind uns bisher nur im Pamir begegnet. Wir hoffen sehr das damit in Kirgistan wieder Schluss ist. Es ist unglaublich anstrengend da drauf zu fahren und raubt einem den letzten Nerv.

 

Am Karakul See

 
Ausgepowert erreichen wir die spektakulärste Grenze unsere Reise. Begrüßt werden wir von einem Steinbockschädel – ein durchaus passendes Symbol für Reisende die aus dem Pamir kommen bzw. eine gute Warnung für Reisende die in der anderen Richtung unterwegs sind und den Pamir noch vor sich haben. Die Grenze ist ziemlich heruntergekommen. Prunkvolle Grenzgebäude gibt es nicht. Stattdessen sitzen die Grenzbeamten in alten, rostigen Containern.

Tadschikistan hat uns in jeder Hinsicht herausgefordert. Schlechte Straßenverhältnisse, Zeitdruck und Wetter haben uns (mich teilweise noch etwas mehr) an unsere Grenzen geführt. Um so glücklicher und auch ein kleines bisschen stolz sind wir den Pamir bezwungen zu haben. Oft war es ziemlich einsam, aber wo wir Menschen begegnet sind waren diese sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Die Landschaft ist einzigartig. Noch nie haben wir so etwas gesehen. Nachdem wir jetzt aber lange in karger Gegend unterwegs waren freue ich mich um so mehr auf die grünen Täler Kirgistans – Tim besteht allerdings weiter auf seinem eisigen Pik Lenin. 

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Karina

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