Griechenland
Griechenland – Sommer, Winter, Gastfreundschaft
8. Februar 2015
0

Griechenland gehört zu den wenigen vermeintlich bekannteren Ländern auf unserer Reise bei denen man vielleicht zu wissen meint, wie es dort so zugeht. Und man meint, den Griechen als solchen zu kennen. Tim und ich sind zum ersten Mal in Griechenland und genießen wieder das Vorrecht Land und Leute auf ganz andere Weise kennen.
„Welcome to Greece“! So werden wir an der Grenze von einem netten Beamten gegrüßt. Kurz darauf kommt ein weiterer Beamter der neugierig alles über unsere Reise wissen möchte. Es wird tadelloses deutsch gesprochen: Der Beamte ist in Deutschland aufgewachsen.
Wir ernten jedenfalls mal wieder herzliches Gelächter als wir das Ziel unserer Reise nennen. Nach einer kurzen Unterhaltung radeln wir also die ersten Kilometer auf griechischen Boden bis wir im Sonnenuntergang Thessaloniki erreichen. Das bedeutet: Mittelmeer! Weihnachten! Urlaub!

Wir wägen uns schon am Ziel, da taucht vor Saloniki doch tatsächlich noch ein Berg auf. Umfahrung ist nicht möglich da in Griechenland unverständlicher Weise nicht auf der Autobahn gefahren werden darf. Wir müssen also über den Berg. Die Strasse besteht aus Schotter und Löchern und ist seeehr steil. An Fahren ist nicht zu denken und selbst Schieben ist eine Herausforderung und bald nicht mehr möglich. Zum ersten Mal schieben wir gemeinsam erst das eine und dann das andere Rad den Berg hoch. Puh, geschafft. Von oben sehen wir erleichtert die Stadt: den Rest gehts nur noch bergab. Über die Internetplattform airBnB haben wir uns (yippi!) eine Yacht gemietet auf der wir ein paar erholsame Tage verbringen.

Den Heiligabend verbringen wir allein. Auch eine gute Erfahrung. Ohne Überflutung von jeder Menge Weihnachtsbrimbamborium. Wir besuchen am Abend einen Gottesdienst der deutschen Gemeinde Thessaloniki, die keine Kirche hat, sondern ihren Gottesdienst recht schlicht im Forum des Goetheinstituts feiert. Dazu wurden wir herzlich von einer Deutschen eingeladen, die wir zufällig getroffen haben. Eine unglaublich tolle Frau mit sooo viel Ausstrahlung und Lebensfreude.
Das einzige was uns heute an Weihnachten erinnert sind einige „Weihachtshits“ die aber nur sehr dürftig von der Gemeinde mitgesungen werden und ein mit Lametta geschmückter Weihnachtsbaum. Das erstemal kommt bei mir ein bisschen Heimweh auf…die ganze Familie zu Hause zusammen… *schnieff* …
Die Läden sind abends noch lange geöffnet. Völlig unromantisch gehen wir also nach dem Gottesdienst in den Supermarkt, wo fürchterliche Weihnachtsmusik läuft – schnell wieder raus. Wir wollen dann besonders lecker Essen gehen, stellen aber bald fest, dass wir einen Platz hätten reservieren sollen. Alle guten Restaurants sind voll belegt und wir werden immer wieder weggeschickt.
So eiern wir heimatlos ne Stunde umher. Am Ende sitzen wir beim Italiener und essen eine mittelmäßige Pizza – kein Prrobläm! Die macht uns müde und so verschwinden wir in unserer Koje und schlafen so früh wie nie an diesem Tag.

Überraschenderweise besuchen uns am 25.12. Tims Bruder Basti mit seiner Frau Krissi! Sie haben sich spontan in einen Flieger gesetzt und sind binnen 1,5 Stunden hergekommen. Fieser Gedanke. Sie bringen sogar ein paar Geschenke der Familie und von Freunden. So haben wir dann doch noch etwas Weihnachtsfeeling. Habt nochmal Dank dafür wir haben uns sehr gefreut!
Zusammen geniessen wir traumhaftes, fast sommerliches Wetter auf dem Deck der Yacht, machen Kulturprogramm und sogar einen Segeltörn. Dabei entdecken wir eine Schule Delfine, vielleicht 25, die elegant und sportlich neben der Yacht umherspringen. Ein absolutes Highlight!


Wir lernen, dass sich Tümmler mit individuellen Geräuschen bei ihrer Gruppe melden und mit diesen auch von der Gruppe gerufen werden. Es ist also so, dass Delfine sich Namen geben. Wir finden, dies müsste weitreichende ethischen Konsequenzen haben. Dass hier Fischer Delfine mit Dynamit verjagen oder anderswo einfach aus sportlichem Ehrgeiz getötet werden ist jedenfalls einfach nur schrecklich.

Basti und Krissi reisen am 29.12. wieder ab. Danke für euren Besuch. Die Tage mit euch waren soo schön!

Auch für uns und die Bambusräder endet die Erholungszeit. Inzwischen hat sich das gute Wetter verabschiedet, es wird kälter und vor allem stürmisch. Zum Glück wird der Sturm mit jedem Kilometer mit dem wir uns von der Küste entfernen schwächer und das Vorankommen klappt besser als zuerst erwartet.
Abends heißt es dann mal wieder Zelt aufschlagen. Es wird wirklich kalt und wir freuen uns über den von Weihnachten übrig gebliebenen Glühwein (Krissi, wie konnte das passieren?). Über Nacht hat sich dann so einiges geändert, als wir morgens aus dem Zelt kriechen ist alles tief verschneit. Bei -6 Grad und Schneegestöber steigen wir auf die Räder. Die Strassen sind zum Glück gestreut so das wir problemlos fahren können. Ich hätte gedacht das man bei solchen Temperaturen schrecklich frieren würde, aber durch die Bewegung ist es immer schön warm, sogar die Hände. Der Schnee hat übrigens noch einen Vorteil, er läßt sich hervorragend vom Zelt abschütteln und das Zelt kann trocken eingepackt werden – super!

Gastfreundschaft

Im Laufe des Tages kriecht dann doch irgendwann die Kälte durch. In Apollonia angekommen suchen wir in einem kleinen Restaurant zuflucht. Der Raum wird von einem Ofen beheizt, es ist kuschelig warm und unsere Handschuh etc. können am Ofen trocknen. Von ein auf den anderen Moment fühlt man sich wieder pudelwohl. Wir schlürfen gerade unseren Tee, da betritt ein junger Mann das Restaurant. Sofort ist klar: Auch ein Reisender. Wir winken ihn zu uns und verquatschen uns sofort. Spannend. Nuno ist aus Portugal. Er hat sich über Nacht für seine Reise nach Israel entschieden und ist tatsächlich direkt am nächsten morgen los. Er hat sich lediglich von seiner Familie verabschiedet. Geplant und vorbereitet ist seine Reise also überhaupt nicht. Er hat nichts dabei, ist zu Fuß gestartet, unterwegs hat et irgendwo ein Fahrrad gefunden außerdem irgendwo wärmere Schuhe die eigentlich nicht warm aussehen. Er hat nur eine kleine Plane zum schlafen.
Es ist bereits später Nachmittag als Nuno sich von uns verabschiedet. Draussen sind bereits wieder reichlich Minusgrade – wir hoffen er hat die Nacht gut überstanden.
Da betritt ein Grieche den Raum und grüßt uns freundlich. Michael ist in Deutschland geboren und hat später 5 Jahre dort gearbeitet, er spricht ziemlich gutes deutsch und wie soll es anders sein, wir verquatschen uns mal wieder und es wird später und später. Unerwartet bietet uns Michael dann an, mit ihm in sein Haus zukommen. Er wohnt dort gemeinsam mit seiner Mutter. Wow! Wir freuen uns über die Einladung sehr und nehmen sie gerne an.
Michaels Mutter öffnet die Tür und wir schliessen die kleine toughe Frau sofort ins Herz. Eine richtige Mutti. Ihre Herzlichkeit, ihr Lachen und die Lebensfreude ist absolut ansteckend und wir geniessen einen wunderschönen Abend. Anastasia, so heißt Michaels Mutter, zeigt uns stolz ganz viele Familienfotos und so bekommen auch wir die Gelegenheit, zum ersten Mal unser kleines Fotoalbum auszupacken. Abends fallen wir müde und glücklich ins Bett. Wir dürfen in Michaels Zimmer schlafen, er selbst verbringt die Nacht im Wohnzimmer auf dem Sofa. Am nächsten Morgen steigen wir bei „nur“ noch -3 Grad wieder auf die Räder.

Binh und Alessio, Radreisende aus Paris, sind uns ein paar Tage voraus.
Binh ist aus Vietnam, Alessio aus Italien. Gemeinsam fahren sie mit dem Rad nach Vietnam und haben vor, dort zu bleiben. Zufällig haben wir uns in Thessaloniki getroffen und uns in Istanbul verabredet.
Von ihnen erfahren wir das auf unserem Weg, in Kadelion, ein kleiner „Tante Emma Laden“ liegt, der von einer Deutschen und ihrem Mann betrieben wird. Wir sollen da unbedingt auf eine Tasse Tee vorbei schauen. Gesagt, getan. Am 31.12. erreichen wir Kadelion und finden auch sofort den Laden. Es scheint wir wurden schon erwartet. Tim und ich können uns mit einer Tasse Tee aufwärmen und mal wieder haben wir die Möglichkeit uns mit Einheimischen auszutauschen und mehr über Griechenland zu erfahren. Der Laden gefällt mir richtig gut. Ist eine Mischung aus kleinem Supermarkt bzw. Minimarkt, Bäcker, Schlachter und Baumarkt. Man bekommt sozusagen alles. Schade das es solche Läden nicht mehr bei uns gibt. Nach diesem kleinen Zwischenstop geht unsere Fahrt weiter. Wir wollen noch ein paar Kilometer radeln und dann nach einer guten Bleibe für den Abend und die Nacht Ausschau halten, schließlich ist heute Silvester!

Sylvester

Wir fahren und fahren, finden aber nichts gescheites. Nirgendwo die Möglichkeit das Zelt auf zu stellen, dazu wird es immer stürmischer. In Kavala entdecken wir dann erleichtert ein Schild welches uns den Weg zu einem Apartment weisst. Dort angekommen stehen wir kurz ratlos vor dem Haus. Es sieht nicht danach aus als sei es geöffnet. Vor dem Haus steht ein Auto in dem ein Mann sitzt. Er will gerade losfahren, aber er scheint unsere Ratlosigkeit zu bemerken und aus irgendwelchen Gründen auch zu wissen das wir aus Deutschland sind, denn im perfekten deutsch fragt er ob er helfen könne. Wie sich herausstellt ist Theo der Besitzer des Apartments und dem Imbiss auf der Rückseite des Hauses. Da keine Saison ist, ist beides geschlossen. Theo ist aber sichtlich bemüht uns zu helfen. Mal wieder erleben wir wie jemand unser Problem zu seinem eigenem macht. Theo bietet uns an unser Zelt im Garten aufzustellen ist aber im nächsten Moment besorgt da es recht stürmisch und kalt ist. Er sagt dann das er gerade den Imbiss renoviert und es daher etwas unordentlich dort ist, aber wenn es uns nichts ausmacht könnten wir auch dort die Nacht verbringen und wären wenigstens vor dem Wetter geschützt. Für Tim und mich ist es perfekt. Wir hatten uns bereits damit abgefunden, Silvester irgendwo im Zelt zu hängen, schrecklich zu frieren und um 18:00 Uhr Schutz im warmen Schlafsack zu suchen. Jetzt haben wir es halbwegs warm, haben Licht, eine Küche und sogar ein Klo! Was will man mehr. Tim und ich zaubern ein fürstliches Silvesteressen: Würstchen mit Senf, dazu drei Tage altes Brot und eine Nudelgemüsebrühe. Dazu wird Rotwein und Käse gereicht. Wir halten fast bis 21:00 Uhr durch und machen dann etwas ganz verrücktes: Wir schlafen ins neue Jahr.

Am Neujahrsmorgen wollen wir um 11:00 Uhr auf die Räder steigen als uns eine Frau vom Balkon „Happy new year!“ zuruft und uns auf einen Kaffee einlädt. Klar nehmen wir die Einladung an. Wir gehen die Treppen zur Haustür rauf und werden als erstes mit einer herzlichen Umarmung begrüßt. Wie wir jetzt erfahren ist die ca. 60 jährige Dame Theos Mutter. Sie spricht super englisch, was wohl kein Wunder ist wenn man lange Zeit in Australien gelebt hat. Wir können uns wieder super Unterhalten und verbringen so eine weitere gemütliche Stunde bei Kaffee und Keksen.
Zur Feier des Tages gönnen wir uns in der Mittagspause ein leckeres Neujahrsessen. Endlich haben wir ein Restaurant gefunden in dem es Gyros gibt. Wer denkt, das bekommt man in Griechenland an jeder Ecke, der hat sich sehr getäuscht. Allerdings ist die Portion viel kleiner als aus Deutschland gewöhnt und schmeckt tatsächlich nicht so gut wie erwartet. Unser Fazit: Der deutsche Grieche hat es immer noch am besten drauf.
Am Abend fahren wir einen Campingplatz an und werden fröhlich begrüßt: „Happy new year, you are the first!“. Weil wir die ersten Besucher des neuen Jahres sind, bekommen wir einen super Sonderpreis. Unser Zelt dürfen wir aufschlagen wo immer wir wollen. Wir entscheiden uns gegen das Zelt und legen uns einfach mit unseren Matratzen und Schlafsäcken unter das Vordach des Restaurants des Campingplatzes. Wir wollen doch mal testen wie abgehärtet wir schon sind, was unsere Klamotten taugen und ob wir schon Himalaya-kompatibel sind – heute Nacht sollen es -6 Grad werden!
Am Strand machen wir unser erstes Lagerfeuer. So ein Feuer erzeugt doch immer wieder eine tolle Stimmung, dazu noch Wellenrauschen: Einfach perfekt.
In der Nacht wurde es tatsächlich so kalt wie angekündigt, gefroren haben wir aber nicht sonderlich. Allerdings war es auch nicht so richtig gemütlich. Was aber der Hammer ist: Morgens auf zu wachen, die Wellen direkt neben sich rauschen zu hören, sich dann aufzusetzen (natürlich bleibt man dabei im Schlafsack, ist ja kalt) und einen wunderschönen Sonnenaufgang über dem Meer zu bestaunen.
Vor der Weiterfahrt werden wir von der Campingplatzbesitzerin noch auf Kaffee und ner Menge selbst gebackenen Stollen eingeladen.

Ich könnte von noch viel mehr Begegnungen schreiben, aber vielleicht wird das hier gerade alles ein bisschen zu lang.
Soooo viel freundliche und hilfsbereite Menschen, einfach unglaublich großartig. Bei all den Begegnungen haben wir einen kleinen Einblick bekommen über die politische Situation in Griechenland, Arbeitsbedingungen, griechische Mentalität etc..
Wer meint der Grieche sei faul und müsse fleissiger sein und mehr arbeiten und sparen hat wirklich nicht besonders viel Ahnung. In Griechenland ist es ganz normal das Arbeitnehmer von früh bis spät arbeiten, eine Mittagspause gibt es nur in seltenen Fällen bei großen Betrieben. Wir haben ein Büro gesehen, ein kleiner Raum, der sich auf Grund der hohen monatlichen Kosten (150€!) sogar noch mit einer zweiten Firma geteilt wird – wohl keine Seltenheit. Konzentriertes Arbeiten kann ich mir bei solchen Bedingungen wirklich nicht vorstellen. Von dem Geld des so genannten Rettungsschirms kommt bei der Bevölkerung nichts an, so wird uns immer wieder gesagt.
Und trotz allem, die Menschen hier behalten ihre Fröhlichkeit, auch wenn die Umstände so scheinen als wäre das unmöglich. „Das ist unsere Mentalität“, „Das haben wir im Laufe unsere Geschichte gelernt“, Sätze in solcher Art hören wir immer wieder.
Tim verfolgt die wirtschaftspolitische Situation genauer und sagt: Sollte es zutreffend sein, dass der Großteil der Probleme seine Ursache in der deutschen Lohnpolitik in Verbindung mit der Austeritätspolitik liegen sollte (Stichwort: Hurra, schon wieder Exportweltmeister!) wie von Flassbeck et al. hinreichend dargelegt wird, dann ist der deutsche Umgang mit Griechenland tatsächlich eine unglaubliche Schweinerei. Wenn unter Experten die Austeritätspolitik sehr kontrovers diskutiert wird, warum wird uns dann verkauft, sie sei alternativlos?
Die Situation in Griechenland verfolgen wir jedenfalls ab jetzt sehr gespannt.

Alles in allem hat uns Griechland sehr gut gefallen. Die Menschen dort sind sehr nett und hilfsbereit. Auch von chaotischen Autofahrern haben wir nichts mitbekommen. Ein tolles Land für Radreisende!

Nach Alexandropuli werfen wir einen allerletzten Blick auf das Mittelmeer und fahren zur türkischen Grenze. Aufgrund des schlechten Wetters wollen wir möglichst schnell nach Istanbul radeln….

About author

Karina

related items

/ you may check this items as well

Impressionen 10 – Griechenland

Griechenland gehört zu den wenigen vermeintlich b...

read more

There are 0 comments