Armenien
Armenien – Teil 2
3. Mai 2015
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Nach einigen Tagen Pause mit einhergehender Regeneration in Eriwan geht unsere Reise am 18. März bei tollem Wetter weiter. Die Straße führt direkt auf den gigantischen Vulkan Ararat zu. Leider versteckt sich dieser aber den ganzen Tag hinter Wolken und lässt uns nur selten einen kurzen Blick auf sich zu. Seine gewaltigen Dimensionen können wir deshalb nur erahnen sind aber trotzdem sehr beeindruckt. Wir fahren noch nicht lange da bemerkt Tim, dass er hinten einen platten Reifen hat. Bei 5920km die 3. Reifenpanne, sonst keinerlei Probleme. Da wollen wir nicht meckern, Tim ist inzwischen geübt, der Schlauch ist schnell gewechselt und die Fahrt kann weiter gehen.

19. März, mein Geburtstag. Ein perfekter Tag! Wir haben einen wunderschönen Zeltplatz in der Natur und genießen zur Feier des Tages sogar zwei Tassen Kaffee. Bevor wir auf die Räder steigen, erklimmen wir unseren kleinen Hausberg und verabschieden uns bei toller Sicht vom Ararat. Ansonsten wird mein Geburtstag ein Tag der „Rekorde“: Den bisher höchsten Punkt der Reise erradelt, dazu 1600 Tageshöhenmeter (nur hoch) und den 6000. Kilometer bestritten und damit vielleicht knapp die Hälfte der Tour geschafft. Was für ein Tag!

Die letzten Tage in Armenien bis zur iranischen Grenze sind noch mal richtig herausfordernd hinsichtlich Strecke und Temperaturen. Es geht über hohe Passstrassen wieder runter um dann erneut die nächste, nicht weniger hohe Straße in Angriff zu nehmen. Mehrmals halten Lkw-Fahrer neben uns und bieten uns an, unsere Räder in den Laderaum zu schmeißen und so die Passstrasse bequemer hinrauf zu kommen. Verlockendes Angebot. Aber der Ehrgeiz, wenn man schon so viel Anstrengung hinter sich hat, nicht auf den letzten Metern abzubrechen ist zu groß und wir lehnen die Angebote dankend ab. Wenn dann der LKW hinter der nächsten Kurve verschwindet, fragt man sich warum um alles in der Welt man abgelehnt hat. Die Belohnung kommt aber wenn man irgendwann abgekämpft oben ankommt, sich in einer grandiosen Schneewelt wieder findet, tolle Berglandschaft bestaunt und anschließend die wohlverdiente Abfahrt genießt.

Nicht nur die Passstrassen stellen eine Herausforderung da. Wir sollen, damit wir in Iran den erwarteten Frühlung so richtig wertschätzen können, noch mal erleben was „Winter“ bedeutet. Für die Nächte im Zelt kommen alle warmen Klamotten zum Einsatz und wir können immer gut schlafen. Wenn wir dann morgens aus dem eingeschneiten Zelt kriechen, schnell einen heißen Kaffe schlürfen, alle Klamotten mit jedem Tag feuchter werden und sich keine Möglichkeit zum Trocknen findet, wenn beim Zeltabbau die Hände einfrieren, dann stellen wir uns vor das bald der Frühling kommt und wir auf einer Decke vor dem Zelt gemütlich in der Sonne frühstücken.

Am 22. März rückt die Vorstellung vom warmen Frühling in unerreichbare Ferne. Bei 0,5°C mit Schnee- und Eisregen + ordentlich Wind kämpfen wir uns bis nach Goris. Solange es bergauf geht bleibt man warm, aber die ansonsten so geliebten Abfahrten sind heute ein einziger Härtetest. Aus mir unbekannten Gründen hab ich keine Regenhose angezogen und nach kurzer Zeit sind meine Beine komplett nass und eiskalt. Der Fahrtwind peitscht einen den Schnee-Eisregen ins Gesicht. Tims Bart besteht nur noch aus Eis, meine Wangen fühlen sich an wie „1000 Stecknadeln“ und sehen kann man schon lange nichts mehr. Die Haende sind durchgefrohren und kaum in der Lage zu bremen. Als wir endlich Goris erreichen, stürzen wir in das erstbeste Motel (an Campen ist wirklich nicht mehr zu denken) und verbreiten eine riesige Sauerei. Unser einfaches Zimmer besitzt keine Heizung, aber wir werden mit einem winzigen klapprigen Heißlüfter versorgt. Heißlüfter? Naja, wenn man sich konzentriert kann man ein laues Lueftchen erahnen. Mit Haenden und Fuessen erwirkt Tim an der Rezeption ein etwas groesseres Modell was immerhin im Umkreis von einem Meter die Temperatur um ein paar Grad steigen laesst, der uebrige Raum bleibt eiskalt. No problem. Während Tim als echter Gentleman als Erster in die Dusche springt, schimpft er ordentlich: Eiskaltes Wasser. Da er eh schon eingefrohren ist faengt er trotzdem an zu Duschen. Nach einigen Minuten dann der erloesende Jubelschrei: Ganz langsam wird das Wasser immer waermer bis es dann richtig heiss wird. Tim bleibt eine Stunde regungslos unter Dusche, ich vor dem Heizluefter im Bett.

Da es sich über Nacht eingeschneit hat, ist die Weiterfahrt unmoeglich. Wir bleiben einen Tag in Goris. Am nächsten Morgen kann es bei gutem Wetter auf die schönste und bisher längste Abfahrt gehen. Die Straße schlängelt sich durch eine wunderschöne Schlucht und hinter jeder Kurve erwartet uns ein neuer, faszinierender Ausblick. Alle paar Minuten muessen wir stehenbleiben und staunen. Hier bekommen wir auch den ersten Kontakt zur iranischen Gastfreundschaft: Zwei LKW-Fahrer, die gerade Pause machen und Picknicken, rufen uns zu sich und teilen mit uns Tee, Brot und Käse.

Von der iranischen Grenze trennt uns jetzt nur noch der Meghri-Pass. Passhoehe: 2540m. Das meisste davon so steil, dass ein grosser Teil geschoben werden muss. Wir sind umgeben von noch hoeheren, schneebedeckten Bergen. Die Landschaft ist wie so oft wahnsinnig schön und lenkt ein wenig von der Anstrengung ab. Viele vorbei fahrende Autofahrer motivieren uns mit zuhupen, winken und applaudieren. Auch als Foto – oder Filmmotiv sind wir gern genommen: Andauernd halten Autos an um reichlich Fotos zu schiessen. Wir haben auch das Gefuehl, dass uns alle fuer komplett bescheuert halten. Irgendwann kommen wir tatsächlich oben an, ein unglaublich tolles Gefühl. Obwohl wir fix und fertig sind, sind wir einfach nur gluecklich und froehlich. Ob da in unseren Gehirnen was falsch verdrahtet ist? Vielleicht sind wir ja wirklich komplett bescheuert 🙂 

Kurz vor Meghri verbringen wir unsere letzte Nacht in Armenien. Zuvor werden wir noch bei einem älteren Herren zum Tee eingeladen. Eigentlich ist es schon spät und wir wollen noch etwas weiter kommen, aber die Einladung ist einfach nicht abzuschlagen. Wir folgen dem Mann in seine einfache Hütte. Er gibt sich sehr viel Mühe ein guter Gastgeber zu sein. Der Ofen wird für uns angefeuert und ein Tisch zurecht gerückt, dann gibts Tee und eine süß eingelegte Frucht. Gut das wir die Einladung angenommen haben. Die Verständigung war zwar auessert schwierig, aber die Mühe, die sich der Mann für uns gemacht hat war einfach super lieb.

Am 27. März haben wir perfektes Wetter und der lang ersehnte Frühling scheint tatsächlich näher zu rücken. Wir passieren Meghri und radeln auf die iranische Grenze zu. Im letzten Shop kauft sich Tim, obwohl noch vormittags, ein grosses Bier und trinkt mit grosser Freude und Hingabe sein fuer lange Zeit letztes Bier.

Die Landschaft ist so beeindruckend, dass wir vor lauter gucken kaum an die Grenze kommen. Wir sehen die kargen Berge des Iran im starken Kontrast zu dem grünen Armenien, in dem hier und da schon ein paar Pflanzen rosa und gelb blühen. Unbeschreiblich! Wunderschön und sehr beeindruckend! Wir einigen uns darauf, die bisher schoenste Etappe geradelt zu sein. Wenn man sowas ueberhaupt neutral beurteilen kann.

Nun liegt die Islamische Republik Iran vor uns. Wir sind sehr gespannt. Zumindest sehen wir jenseits der Grenze keine uralten Ladas mehr fahren sondern ueberwiegend saubere weisse Peugeots. Recht verheissungsvoll oder?

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Karina

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